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Bedeutung vor Ort

Wer kennt sie nicht – die Sage vom Rattenfänger von Hameln? Den meisten ist sie seit Kindheitstagen bekannt, als Eltern und Großeltern aus Märchenbüchern vorlasen, zum Einschlafen Kassetten gehört wurden und man sich am Wochenende gelegentlich VHS-Videos ansehen durfte.
Was die meisten, die nicht in Hameln oder dem direkten Umland leben, jedoch nicht wissen, ist, dass die Sage an ihrem Ursprungsort durchaus lebendig, im Stadtbild omnipräsent und nicht zuletzt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für den Tourismus ist.

Orte wie das Rattenfängerhaus, der Rattenkrug oder die Rattenfänger-Halle tragen Bezüge zur Sage in ihren Namen. Eine Rattenspur führt zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten der Hamelner Altstadt. Von Mai bis September werden auf der Hochzeitshaus-Terrasse kostenfrei das Rattenfänger-Freilichtspiel und das Musical Rats aufgeführt. Über die Touristinfo (HMT) sind Führungen mit dem Rattenfänger buchbar. Es finden Rattenrennen, Rattenfestivals und Jubiläumsfeiern statt. Viele dieser genannten Beispiele gehen nicht (nur) auf touristisches Marketing zurück, sondern werden zum Großteil bürgerschaftlich getragen und durch ehrenamtliches Engagement umgesetzt. So ist es nur folgerichtig, dass „die Auseinandersetzung mit dem Rattenfänger von Hameln“ seit 2014 auf dem bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes zu finden ist.

Zur Wiederholung: Worum geht es nochmal genau?

Volkserzählungen wie Märchen, Sagen und Legenden wurden bis zur schriftlichen Fixierung mündlich tradiert. Eine ursprüngliche Form ist in der Regel nicht mehr auszumachen. Volkserzählungen existieren in mannigfaltigen Varianten und überdauern gerade durch ihre Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an den jeweiligen Zeitgeschmack und Vorlieben der Zuhörer und Leserschaft die Jahrhunderte.
Auch im Falle der Rattenfänger-Sage, deren schriftliche Rezeption bereits im 14. Jahrhundert beginnt, existieren unzählige literarische, musikalische und künstlerische Bearbeitungen. Besonders normgebend ist die schriftliche Version der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. 1816 veröffentlichten sie in ihrem ersten Band der Deutschen Sagen die Erzählung vom Hamelner Rattenfänger als Nr. 244 Die Kinder zu Hameln.

Den Grimms zufolge tauchte im Jahre 1284 ein buntbekleideter Pfeifer in Hameln auf. Er vereinbarte mit den Bürgern, dass er die Stadt gegen einen gewissen Lohn von Ratten und Mäusen befreie. Daraufhin begann er mit seiner Pfeife zu spielen, sodass ihm alle Ratten und Mäuse bis zur Weser folgten, wo sie im Fluss ertranken. Als der Pfeifer nach getaner Arbeit seinen vereinbarten Lohn verlangte, reute die Hamelner*innen ihr Versprechen. Sie erfanden allerlei Ausreden, sodass der Spielmann die Stadt schließlich mit leeren Händen verließ. Am 26. Juni, am Tage Johannis und Pauli, kam er als Jäger verkleidet zurück. Wieder begann er zu spielen, aber diesmal waren es nicht die Ratten, die ihm aus der Stadt folgten, sondern 130 Kinder ab dem vierten Jahr. Er führte sie zu einem Berg, in dem der Zug verschwand. Alles Suchen der Eltern half nichts, die Kinder blieben für immer verloren.

Die Sage vom Hamelner Rattenfänger – eben kein Märchen

Und dann? Haben Märchen nicht immer ein Happy End? – Tatsächlich ist dies bei den meisten Märchen der Fall. Im Falle der Hamelner Rattenfänger-Sage handelt es sich jedoch nicht um ein Märchen, sondern um eine Sage – und diese unterscheiden sich von den Märchen ganz eklatant.
Im Unterschied zu Märchen sind Sagen häufig durch eine düstere Atmosphäre gekennzeichnet und enden oft tragisch. Sie haben keinen optimistischen Charakter à la „das Gute siegt über das Böse“. Sie sind durch ein bedrohliches Eindringen des Übernatürlichen in die natürliche Welt charakterisiert. Wie auch im Falle der Rattenfänger-Sage findet häufig ein Regelverstoß statt, der unbarmherzig bestraft wird.
In den Worten der Grimms widergegeben, ist das Märchen ist poetischer, die Sage historischer. Im Gegensatz zu den Märchen, die zu einer unbestimmten Zeit „Es war einmal…“ an einem Ort spielen, der nirgends und überall existiert „hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen“, sind Sagen an einem realen Ort verortet und spielen zu einer bestimmten Zeit. Oft nehmen sie Bezug auf historische Persönlichkeiten und Ereignisse. Sie sind stärker in der Wirklichkeit verwurzelt als Märchen und erheben Anspruch auf Glaubhaftigkeit. Trotzdem sind sie nicht mit historisch belegbaren Ereignissen gleichzusetzen, sondern geben in der Regel das wieder, was von den Überliefernden als erinnerungswürdig empfunden wird.

Die Frage nach dem wahren Kern

Vereinfacht gesagt, liegt Sagen in der Regel „ein wahrer Kern“ zugrunde. Die Frage nach dem historischen Ereignis hinter der Rattenfänger-Sage beschäftigt Gelehrte, Heimatforscher und Wissenschaftler spätestens seit dem 17. Jahrhundert. Eine unumstrittene Theorie konnte bis jetzt nicht vorgelegt werden.
Des Rätsels Lösung um den Verbleib der Hamelner Kinder wird mit voranschreitendem zeitlichem Abstand zum überlieferten Kinderauszugsjahr 1284 sicher nicht wahrscheinlicher. Eins steht jedoch fest: Falls es ein historisches Ereignis gegeben hat, auf dem die Rattenfänger-Sage basiert, ist dies mit Sicherheit nicht die Rattenplage gewesen, sondern der Auszug der Hämel‘schen Kinder.
In den frühen Quellen wird der Rattenfänger stets als Piper, also Spielmann, bezeichnet. Rattenplage und Rattenvertreibung kommen erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts dazu.
Die Ungewissheit um den Verbleib der Kinder begründet die Faszination, die von der Sage ausgeht. Sie ist ein wesentlicher Faktor in der Tradierung und dem Immer-wieder-Aufgreifen des Stoffes. Bis heute erreichen das Museum Hameln Anfragen von Personen, die neue Deutungstheorien zur Sage entwickelt haben. Zu den gängigsten Hypothesen wird es im Rahmen des Projekts „Pied Piper International“ gesonderte Blog-Einträge geben.

Faszination Rattenfänger – ein internationales Phänomen

Eins ist klar: Die Hamelner Rattenfänger-Sage ist nicht nur vor Ort ein konstantes Thema fortwährender Auseinandersetzung, sondern ein international beliebtes Sujet, das immer wieder zu künstlerischem Schaffen anregt.
Allein in der museumseigenen Sammlung befinden sich literarische Bearbeitungen in 37 Sprachen. In einigen Ländern lebt die Sage in eigenständigen Varianten weiter, die inhaltlich von der Hamelner Vorlage abweichen. Besonders in Japan und den USA ist sie überaus beliebt, wird in Schulen gelehrt und als Theaterstück aufgeführt. Die Dimension der internationalen Verbreitung und Rezeption ist bis jetzt jedoch kaum aufgearbeitet worden. Das partizipative Ausstellungsprojekt „Pied Piper International. Auf den Wegen des Rattenfängers“ wagt einen ersten Versuch. In Zusammenarbeit mit Hamelner Bürger*innen mit und ohne Migrationshintergrund wird im Juni 2020 eine Sonderausstellung entstehen, die sich mit der internationalen Dimension der Rattenfänger-Sage beschäftigt.

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Wibke Reimer
Tel. +49 (0)5151 202 3956
E-Mail: reimer@hameln.de

Museum Hameln
Osterstraße 8-9
31785 Hameln